Empirische Messung und ökonomische Bepreisung von Top-of-Block-Positionen auf Ethereum L1 via MEV-Boost und Priority Fees

15. Oktober 2026 Kryptowährungen
Ein leuchtender Würfel steht auf einem Stapel aus transparenten Blöcken in einem Serverraum mit GPU-Miner-Rigs und blauem

Das Ethereum-Protokoll ergänzt seit dem EIP-1559 die Transaktionsgebühren durch Prioritäts-Fees, jedoch alleine wird damit nur die allgemeine Inklusion einer Transaktion bezahlt – nicht die konkrete Position innerhalb eines Blocks. Für Akteure wie DeFi-Arbitrageure, DEX-Swaps und MEV-Searcher ist die Position an der Blockspitze (Top-of-Block) entscheidend für die Profitabilität. Die nachfolgenden Abschnitte präsentieren die empirisch gemessenen Unterschiede in den Prioritäts-Fees, den Einfluss von MEV-Bundles, Wallet-Standardkonfigurationen und das Verhalten der führenden Builder im Proposer-Builder-Separation-Modell (PBS).

Messmethodik und verfügbare Datenbasis

Die Analyse basiert auf sechzehn ausgewählten Tagen zwischen Juli 2025 und Oktober 2026 (insgesamt ca. 115.000 Blocks). Als Messwerkzeug wurde TEMBRI (Transaction, Ethereum, Mempool, Block and Relay Intelligence) eingesetzt, das öffentliche Xatu-Execution-Daten auswertet. Die Daten umfassen:

  • Block-Gas-Verbrauch, positioniert in vier disjunkte Bänder (0-10 %, 10-20 %, 20-30 %, 30-60 %).
  • Durchschnittliche Prioritäts-Fees (in gwei) pro Band.
  • Transaction-Typen: einzelne Swaps, Multi-Pool-Swaps, Token- und Native-Transfers.
  • Builder-Labels (Titan, Quasar, BuilderNet, Eureka, bombora, lokal gebaut).
  • Zero-Tip-Statistiken (Transaktionen ohne Prioritäts-Fee).

Die Messungen ergeben konsistente Trends über die Jahre hinweg, die im Folgenden detailliert erläutert werden.

Preisunterschiede zwischen Front-of-Block und Rest des Blocks

Swaps, die in den ersten 10 % des Block-Gas-Budgets landen, zahlen durchschnittlich das 8- bis 16-fache der Prioritäts-Fees von Swaps, die zwischen 30 % und 60 % des Gas-Budgets platziert sind. Die konkreten Werte zeigen:

Position Durchschnittliche Prioritäts-Fee (gwei) 2025-07-01 Durchschnittliche Prioritäts-Fee (gwei) 2026-07-01 Durchschnitt 2026 August Durchschnitt 2026 Oktober
0-10 % 15.42 4.46 3.85 (2.48-4.65) 4.79 (2.17-6.94)
10-20 % 5.03 1.46 1.03 (0.79-1.15) 1.55 (0.82-2.27)
20-30 % 2.85 0.75 0.55 (0.46-0.75) 0.91 (0.45-1.28)
30-60 % 1.40 0.40 0.31 (0.29-0.53) 0.54 (0.28-0.70)

Der Quotient (erste 10 % / 30-60 %) liegt bei etwa 11-fach (2025) bzw. 11-fach (2026) und schwankt zwischen 8,7 und 9,1 in den Messwochen 2026, was die Stabilität des relativen Preisprämiums trotz fallender absoluter Gebühren illustriert.

Der generelle Level der Prioritäts-Fees sank von 2025 bis 2026 um rund 75 %, wobei das relative Premium für die Front-of-Block-Position nahezu unverändert blieb.

Zero-Tip-Transaktionen an der Blockspitze

Bis zu 48,5 % der Swaps, die in den ersten 5 % des Blocks erscheinen, zahlen keinerlei Prioritäts-Fee (Zero-Tip). Dieser Anteil variierte stark:

  • Juli 2025: 7,2 % aller Swaps, 5 % im Front-Band.
  • Juli 2026: 42,0 % im Front-Band.
  • August 2026: 48,5 % (Spanne 41,5-53,0 %).
  • Oktober 2026: 11,6 % (Spanne 9,6-15,9 %).

Der dramatische Rückgang zwischen August und Oktober 2026 (von ca. 34.700 auf 7.300 Zero-Tip-Swaps im Front-Band) ist maßgeblich auf das Order-Flow-Verhalten des Marktführers Titan Builder zurückzuführen, der trotz nahezu unveränderter Blockanteile seine Zero-Tip-Transaktionen halbierte.

Zero-Tip-Transaktionen können dennoch vorne platziert werden, weil die Kosten in Form von internen coinbase.transfer() -Zahlungen innerhalb von MEV-Bundles gedeckt werden – ein Mechanismus, der in den reinen Execution-Daten nicht sichtbar ist.

Verknüpfung von Priority Fees und MEV-Bundle-Dynamik

Die starken Unterschiede in den Prioritäts-Fees korrelieren eng mit der Komplexität und dem Ertrag von MEV-Bundles. Bundles, die in den ersten 10 % des Blocks liegen, enthalten häufig arbitragebasierte oder kaskadierende Transaktionen, bei denen die zeitliche Anordnung entscheidend für den Gesamtertrag ist.

Im Flashbots-Auction-Modell bewerten Builder den potenziellen Gewinn eines Bundles und passen die Reihenfolge an, um den Wert des Front-of-Block-Spaces zu maximieren. Der mediane MEV-Wert pro Bundle wird für das Jahr 2026 auf 0,008 – 0,020 ETH geschätzt (basierend auf Flashbots Public Data).

Damit wird deutlich, dass Priority Fees allein nur einen Teil des tatsächlichen Preis-Austauschs zwischen Searcher und Builder ausmachen.

Impact von Wallet-Standardfunktionen und User-Experience auf prioritäre Inklusion

Ein erheblicher Teil der Transaktionen wird durch voreingestellte Wallet-Logiken beeinflusst. MetaMask und ähnliche Wallets setzen häufig künstlich hohe Prioritäts-Fees, um eine schnelle Bestätigung sicherzustellen, obwohl kein zeitkritischer Vorteil besteht.

  • MetaMask-Anteil an transaktionaler MEV-Exposition: 12,5 % (2026, geschätzt).
  • Medianer Prioritäts-Fee-Überschuss bei MetaMask-Autokonfiguration: 61,3 % (Differenz zwischen tatsächlich gezahlter und benötigter Fee, 2026).

Diese Verzerrung führt dazu, dass selbst einfache Token-Transfers die Spitzenpositionen besetzen, was die Aussagekraft von Prioritäts-Fees als Marktpreismechanismus verringert.

Rolle des Validator-Interesses an Block-Wertmaximierung

Im Proposer-Builder-Separation-Modell (PBS) wählen Validatoren Builder aus, die den höchsten erwarteten Blockwert erzielen. Das direkte Interesse der Validatoren an der internen Transaktionsreihenfolge ist somit gering; die Priorisierung wird von externen Builder-Algorithmen bestimmt.

Messungen zeigen, dass MEV-Builder den durchschnittlichen Blockwert um das 2,3-fache steigern (2026). Der Einfluss von Buildern auf die Marktstruktur wird besonders deutlich bei:

  • Kumulierten Marktanteil der Top-3 Builder: 92,2 % (Titan 52,7 %, Quasar 20,9 %, BuilderNet 18,6 %).
  • BuilderNet startete am 26. November 2024 als dezentrale, TEE-basierte Alternative zu zentralen Playern.

Die Korrelation zwischen Prioritäts-Fee und Position ist bei den meisten Buildern stark negativ (z. B. Titan -0,38, Quasar -0,51), was die aktive Optimierung der Reihenfolge zur Maximierung des MEV-Ertrags bestätigt.

Risiken, Gegenargumente und Limitierungen

Verzerrung durch Wallet-Heuristiken: Hohe Prioritäts-Fees spiegeln nicht immer die rationale Zahlungsbereitschaft wider; Standard-RPCs und MetaMask-Defaults überschätzen häufig die notwendige Gebühr.

Blinder Fleck durch fehlende interne Trace-Daten: Reine Ausführungsdaten unterschätzen die tatsächlichen Kosten der Blockspitze, weil lukrative MEV-Zahlungen über coinbase.transfer() im Smart-Contract-Call mit 0 gwei erscheinen.

Oversimplifizierung durch Mittelung über Positionen: Durchschnittsberechnungen können extreme Fälle wie Flashbots-Bundles oder spezialisierte Arbitrage-Transaktionen verschleiern, die das Preis-Bild stark beeinflussen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum zahlen Transaktionen an der Blockspitze das Zehnfache an Gebühren?Weil dort zeitkritische Arbitrage- oder Flash-Loan-Transaktionen stattfinden, die den State vor dem öffentlichen Mempool manipulieren müssen, um profitabel zu sein.Wie können Zero-Tip-Transaktionen trotzdem ganz vorne im Block erscheinen?Durch interne coinbase.transfer() -Zahlungen innerhalb von MEV-Bundles können Sucher-Kosten gedeckt werden, ohne externe Prioritäts-Fees zu zahlen.Warum ändern sich die Priority-Fee-Verhältnisse kaum, obwohl der absolute Fee-Level sinkt?Das Verhältnis bleibt stabil, solange das Priorisierungsverfahren innerhalb der Blöcke unverändert bleibt – das relative Verfahren ist unabhängig von der allgemeinen Wirtschaftlichkeit.Warum ist BuilderNet besonders wichtig für die Dezentralisierung?BuilderNet fasst unabhängige, TEE-basierte Builder zusammen, die gegen die Marktanteile zentralisierter Builder wie Titan und Quasar antreten und so die Marktdurchlässigkeit erhöhen.Gibt es Risiken durch automatische Wallet-Konfigurationen wie bei MetaMask?Ja, solche Wallets zahlen oft unnötig hohe Prioritäts-Fees, was die Einnahmen für Builder erhöht, den Nutzer jedoch ohne echten Vorteil belastet.

Fazit

Die Analyse zeigt, dass die Preisbildung für Top-of-Block-Positionen auf Ethereum weitgehend außerhalb des Protokolls stattfindet. Während die absoluten Prioritäts-Fees von 2025 bis 2026 stark zurückgingen, blieb das relative Premium für die Blockspitze stabil, was auf ein strukturelles Preis-Signal hinweist, das von Builder-Algorithmen und MEV-Bundles gesteuert wird. Wallet-Standardlogiken, insbesondere bei MetaMask, verzerren jedoch das Bild, indem sie unnötig hohe Gebühren erzeugen. Das Proposer-Builder-Separation-Modell gibt den Validatoren nur ein indirektes Interesse an der Blockwertmaximierung, während die Builder – dominiert von Titan, Quasar und dem aufkommenden BuilderNet – die Reihenfolge aktiv optimieren, um den MEV-Ertrag zu maximieren.

Um langfristig eine transparente und ökonomisch effiziente Bepreisung von Block-Positionen zu erreichen, sind drei Ansatzpunkte erforderlich: (1) Integration von internen Transfer-Daten (z. B. coinbase.transfer() ) in die Gebührenanalyse, (2) Verbesserung der Wallet-Prioritäts-Logik, um Nutzer nicht zu überhöhten Gebühren zu zwingen, und (3) Weiterentwicklung des PBS-Modells, das Builder-Anreize stärker an die tatsächliche gesellschaftliche Wertschöpfung bindet. Nur so kann das Ethereum-Ökosystem die Vollkosten der Blockspitze korrekt erfassen und gleichzeitig die Dezentralisierung fördern.