Ein dezentralisiertes Währungssystem, das auf exponentiellem Rückfluss (Decay) basiert, verspricht, die strukturellen Ungleichheiten des heutigen Fiat- und Krypto-Marktes zu mindern. Durch die Kombination von automatischer Rückgabe neuer Währung, einer umgekehrten „Torch-Mechanik“ und klar definierten mathematischen Konstanten soll das System den Cantillon-Effekt neutralisieren und ein gerechteres Vermögensgefüge schaffen.
Das Problem: Cantillon-Effekt und wachsende Ungleichheit
Der Cantillon-Effekt beschreibt die asymmetrische Verteilung neu geschaffener Währung: Wer am nächsten zur Quelle steht, profitiert zuerst, während spätere Empfänger bereits einen verwässerten Kaufkraftwert erhalten. Aktuelle Daten belegen die dramatischen Folgen dieses Effekts in den USA:
- Vermögenszuwachs der obersten 1 % im Jahr 2022: 11,8 Billionen US-$
- Vermögenszuwachs der unteren 50 % im gleichen Zeitraum: 1,5 Billionen US-$
Diese Zahlen stammen aus dem Bericht „The Wealth of the Top 1 %: 2022 Report“ des Wealth Inequality Institute (Quelle S1) und zeigen, dass die Schieflage zwischen den reichsten und den ärmeren Bevölkerungsschichten innerhalb von nur zwei Jahren enorm gewachsen ist. Der Bericht unterstreicht die Dringlichkeit, ein alternatives monetäres System zu entwickeln, das die Vermögensverteilung gerechter gestaltet.
Warum das bestehende Fiat- und Krypto-System scheitert
Traditionelles Fiat-Geld wird nach Belieben von Zentralbanken ausgedehnt, ohne dass es jemals zurückfließt. Gold und Bitcoin hingegen besitzen feste Obergrenzen (Gold: physische Menge, Bitcoin: 21 Millionen Einheiten seit 2009). Beide Modelle führen dazu, dass neu geschaffene Währung zunächst denjenigen zugutekommt, die nahe an der Quelle stehen – ein klassischer Cantillon-Effekt. Bitcoin wird zudem häufig als spekulatives Gut (HODL-Kultur) verwendet, wodurch es eher als Wertaufbewahrung denn als Austauschmedium dient.
Das AMI-System: Exponentielles Decay als monetäres Prinzip
Das AMI-System (All Material is Impermanent) implementiert zwei exponentielle Funktionen, die die gesamte Geldpolitik beschreiben:
- Exponential-Decay für die Rückgabe (Amortization)
- Exponential-Recovery für das Grundguthaben (Base)
Das System besteht aus vier Währungen, die jeweils durch eigenständige Smart Contracts ohne Administrator-Schlüssel verwaltet werden:
- Base (Existenzgarantie) – Jeder Teilnehmer kann bis zu 1.000 USDT einzahlen und erhält das gleiche Base-Guthaben. Das Base-Guthaben erholt sich exponentiell mit einer täglichen Rate von 6 % (Recovery = (D – B(t))·0,06). Nach etwa 37 Tagen sind rund 90 % des ursprünglichen Depots wiederhergestellt.
- Amortization (Rückgabewährung) – Sobald Base ausgegeben wird, wandelt sie sich sofort in Amortization um und beginnt, pro Sekunde mit einer Rate r zu dezimieren, sodass nach 108 Tagen nur noch 3 % des ursprünglichen Werts verbleiben (tägliche Decay-Rate ≈ 3,174 %). Amortization kann nicht in stabile Coins zurückkonvertiert werden.
- Torch (Pay-it-Forward) – Teilnehmer können einen Teil ihres Base in Torch umwandeln. Dabei wird die Base-Obergrenze dauerhaft reduziert (D‘ = D – c) und der umgewandelte Betrag c fließt in das Torch-Wallet. Gleichzeitig wird das Dreifache des Betrags (3c) in einen Ignition-Pool (IGP) generiert, der ausschließlich dazu dient, das Torch eines anderen Teilnehmers zu entzünden. So wird Reichtum strukturell von denjenigen, die mehr Base besitzen, zu denjenigen, die keinen USDT besitzen, umgeleitet.
- Creation (Kreative Unterstützung) – Ab 10 Millionen Teilnehmer können bis zu 100.000 Base für Bildung, Forschung und Unternehmertum vergeben werden. Die Vergabe wird von den Teilnehmern selbst sowie einer dezentralen KI bewertet. Auch diese Mittel unterliegen dem Amortization-Decay.
Wesentliche Systemkonstanten
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Decay-Modell | B(t+1 s) = B(t)·(1-r) |
| Interner Zeitraum T | 108 Tage |
| Restwert nach T | 3 % |
| Tägliche Decay-Rate | ≈ 3,174 % |
| Base-Obergrenze | 1.000 USDT |
| Recovery-Rate | 6 % / Tag |
| Torch-Obergrenze | 1.000 (gleich Base) |
| IGP-Multiplikator | 3× |
| Creation-Aktivierung | 10 M+ Teilnehmer |
Torch-Mechanik: Strukturierte Umkehr des Cantillon-Effekts
Die Torch-Mechanik ist das Herzstück, das den Cantillon-Effekt praktisch umkehrt. Wer über mehr Base verfügt, kann mehr Torch erzeugen, aber das erzeugte Torch kann nur von anderen Teilnehmern genutzt werden, die zuvor einen Ignition-Pool erhalten haben. Der Prozess läuft wie folgt ab:
- Ein Teilnehmer wandelt einen Teil seines Base in Torch um (Base-Decrement).
- Gleichzeitig entsteht ein IGP von 3 × c, das ausschließlich zum Entzünden von Torch anderer Nutzer dient.
- Der Empfänger erhält das entzündete Torch-Guthaben und zusätzlich das Dreifache dieses Betrags als neuen IGP.
Durch diese Struktur fließt neu geschaffene Währung nicht von der Quelle nach außen, sondern wird gezielt an die Randteilnehmer verteilt – ein „Pay-it-Forward“-Modell, das die Vermögenskonzentration reduziert.
Vergleich mit Bitcoin und dem Demurrage-Prinzip
Bitcoin ist seit seiner Einführung 2009 durch eine feste Obergrenze von 21 Millionen Einheiten gekennzeichnet. Diese Limitierung zusammen mit der HODL-Kultur hat Bitcoin zu einem spekulativen Vermögenswert gemacht, wobei der Fokus auf Wertaufbewahrung liegt. Im Gegensatz dazu nutzt das AMI-System ein inhärentes exponentielles Decay, das den Wert kontinuierlich zurückführt und damit einen steten Umlauf erzwingt.
- Bitcoin: 21 Millionen maximale Einheiten (2009), primär als Wertaufbewahrung, hohe Spekulationsneigung.
- AMI: Keine feste Obergrenze, Rückgabe durch Decay, Fokus auf Austauschmedium, strukturelle Umkehr des Cantillon-Effekts.
Das traditionelle Demurrage-Prinzip (linearer Verfall) wurde bereits von Gesell vorgeschlagen. AMI erweitert dieses Konzept zu einem exponentiellen Modell, das sich selbst reguliert – je mehr im Umlauf, desto stärker der Zerfall, ohne dass Parameter manuell angepasst werden müssen.
Risiken und Gegenmaßnahmen
Obwohl das System viele Vorteile bietet, identifizieren die Entwickler mehrere potenzielle Risiken:
- USDT-Entkopplung: Eine Entkopplung des USDT-Peggs könnte die Stabilität des Ein- und Auszahlungssystems gefährden, weil USDT die Basis für die Base-Einlagen bildet.
- Sybil-Collusion-Attack: Durch gegenseitiges Ignitieren könnten Teilnehmer versuchen, das System zu manipulieren. Die Kosten für das Reduzieren der Base-Obergrenze (echte USDT-Einlagen) machen diese Strategie jedoch wirtschaftlich irrational.
- Gresham-Law-Problem: Teilnehmer könnten versuchen, nicht-decay-fähige Base zu horten und nur Amortization zu verwenden. Das System löst dieses Problem, indem jede Base-Ausgabe automatisch in Amortization umgewandelt wird – es gibt keinen Auswahlmechanismus.
- Asset-Flight-Kritik: Nutzer könnten in nicht-decay-fähige Vermögenswerte (Gold, Land, BTC) flüchten. Das System begrenzt sich bewusst auf die Währungsebene und sieht die Lösung dieses Problems als gesellschaftliche Aufgabe, nicht als Kernfunktion des AMI-Systems.
FAQ
Wie verhindert das System Vermögensungleichheit?Durch das spezielle Design der Torch-Mechanik, die die Schaffung neuer Vermögenswerte ausschließlich für andere Teilnehmer ermöglicht.
Fazit
Das AMI-System demonstriert, wie exponentielles Decay und die Torch-Pay-it-Forward-Mechanik zusammenwirken können, um den Cantillon-Effekt zu neutralisieren und die wachsende Vermögensungleichheit, wie sie in den USA zwischen 2020 und 2022 dokumentiert wurde, zu adressieren. Im Vergleich zu Bitcoin, das durch seine feste Obergrenze und spekulative Nutzung gekennzeichnet ist, bietet AMI ein dynamisches, selbstregulierendes Währungsmodell, das den Umlauf fördert und gleichzeitig strukturell Reichtum von den Wohlhabenden zu den Randteilnehmern leitet. Trotz offener Risiken – insbesondere der USDT-Stabilität und möglicher Sybil-Angriffe – stellt das Design robuste Gegenmaßnahmen bereit. Damit liefert das Konzept einen überzeugenden Ansatz für ein dezentralisiertes, gerechteres Währungssystem, das sowohl ökonomische Effizienz als auch soziale Gerechtigkeit in den Fokus rückt.