EZB-Bridge-Modell Pontes, 21X-Tokenisierung und das Scheitern von Layer-2-Netzwerken – Wie Institutionen die Krypto-Infrastruktur neu formen

6. Oktober 2026 Bank

Die Verknüpfung klassischer Finanzsysteme mit Distributed-Ledger-Technologie (DLT) erreicht einen Wendepunkt: Die Europäische Zentralbank (EZB) prüft drei Modelle für digitales Zentralbankgeld, die 21X Group baut regulierte Handels- und Abwicklungssysteme für tokenisierte Wertpapiere auf, während mehrere Ethereum–Layer-2-Netzwerke wie Blast wegen gravierender Wirtschaftlichkeitsprobleme schließen. Dieser Artikel beleuchtet die jeweiligen Entwicklungen, stellt die wichtigsten Kennzahlen vor und diskutiert die daraus resultierenden Chancen und Risiken für Marktteilnehmer.

Modelle der EZB für digitales Zentralbankgeld auf DLT

Im Rahmen der Konferenz „The Future of Money“ stellte Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums, drei mögliche Modelle vor, wie Zentralbankgeld in einer Blockchain- oder DLT-Umgebung eingesetzt werden könnte:

  • Modell 1: Direktes Ausgeben von Zentralbankreserven auf einer programmierbaren Plattform. Banken könnten das Zentralbankgeld unmittelbar innerhalb einer DLT-Infrastruktur verwenden, ohne ein separates Abwicklungssystem zu benötigen.
  • Modell 2: Technische Anbindung des bestehenden Echtzeit-Abwicklungssystems (TARGET) an DLT-Plattformen. Die Reserven bleiben nicht tokenisiert, sondern werden über eine Brücke mit der DLT-Umgebung verknüpft.
  • Modell 3: Private Abwicklungstoken, die vollständig durch Zentralbankreserven gedeckt sind, jedoch keinen direkten Rechtsanspruch gegenüber der EZB besitzen, sondern nur gegenüber dem jeweiligen Anbieter.

Das bereits gestartete Projekt Pontes verkörpert das zweite Modell. Es verbindet DLT-Transaktionen mit den bestehenden TARGET-Diensten des Eurosystems, ohne die Reserven zu tokenisieren. Im Pilotjahr 2026 beteiligten sich zwölf Finanzinstitute an den Tests von Pontes, was die praktische Funktionsweise einer technikneutralen Brücke demonstriert.

Pontes im Detail – Technische Brücke zur EZB-Infrastruktur

Pontes ermöglicht es Banken, Zentralbankreserven in DLT-Systeme einzubinden, während die Reserven innerhalb des TARGET-Systems verankert bleiben. Dadurch werden die Risiken unabhängiger Token reduziert und die Interoperabilität zwischen bestehenden Finanzinfrastrukturen und neuen DLT-Plattformen gewährleistet. Die EZB behält die Absicherung des öffentlichen Geldsystems bei, während Marktteilnehmer von programmierbaren Transaktionen profitieren.

21X Group – regulierte Tokenisierung von Wertpapieren auf Arc-PLT

Die 21X Group arbeitet gemeinsam mit Circle an der Tokenisierung und Abwicklung von Wertpapieren auf dem öffentlichen Mainnet der Arc-Blockchain. Im Rahmen der EU-DLT-Pilot-Genehmigung wurden im Jahr 2025 fünf tokenisierte Wertpapiere – darunter Corporate Bonds und Privatanleihen – erfolgreich emittiert und gehandelt.

Die Abwicklung erfolgte atomar gegen USDC, wobei die gesamte Transaktion in weniger als einer Sekunde abgeschlossen wurde. Dieses Verfahren eliminiert das Gegenparteirisiko, da die Token nur bei erfolgreicher Zahlung ausgestellt werden.

Die 21X Group plant, das regulierte System von der EU in die USA zu übertragen. Die Expansion ist jedoch an die Genehmigung der US-Behörden (SEC, FINRA) gebunden. Derzeit ist die 21X LLC kein registrierter Broker-Dealer, sodass die US-Plattform noch genehmigungsabhängig bleibt.

Regulatorische Rahmenbedingungen und Vorteile für den Kapitalmarkt

  • Die 21X AG betreibt in der EU das erste autorisierte Handels- und Abrechnungssystem auf Basis verteilter Ledger-Technologie, überwacht von BaFin und ESMA.
  • Atomare Lieferung gegen Zahlung reduziert das Gegenparteirisiko und verkürzt die Abwicklungszeit auf unter einer Sekunde.
  • USDC dient sowohl als Gas- als auch als Abrechnungswährung, was die Transaktionskosten transparent macht, gleichzeitig aber eine Abhängigkeit von Stablecoin-Risiken schafft.

Wirtschaftliche Schwächen von Layer-2-Netzwerken – Fallstudie Blast und weitere Schließungen

Parallel zu den institutionellen Initiativen geraten mehrere Layer-2-Netzwerke unter wirtschaftlichen Druck. Das Ethereum-Layer-2-Netzwerk Blast stellte den Betrieb ein, weil die laufenden Kosten die Einnahmen überstiegen. Weitere Projekte – Zerion (Zero Network), Silicon Network und CoinEx – folgen einem ähnlichen Schließungszyklus.

Der durchschnittliche Umsatzrückgang bei den betroffenen Layer-2-Netzwerken betrug 2026 82,5 %, basierend auf öffentlich geteilten Monatsumsätzen von Blast, Zerion und Silicon Network. Ohne kontinuierliche Nutzergebühren oder Subventionen können diese Netzwerke ihre Betriebskosten nicht decken und brechen innerhalb eines Jahres zusammen.

Blast hatte im Februar 2024 nach dem Dencun-Upgrade bereits Probleme mit Blockproduktion und erlebte nach einem enttäuschenden Airdrop im Juni 2024 einen Wertverlust von etwa 30 % gegenüber dem Höchststand. Die Schließung wurde mit der Aussage begründet, dass der Betrieb „mehr koste, als er einbringe“ und kein glaubwürdiger Weg zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit gesehen werde.

Risiken und Gegenpunkte für Anleger und Institutionen

  • Fehlende regulatorische Akzeptanz in den USA: Die geplante 21X-Plattform in den USA bleibt genehmigungsabhängig, was das Risiko für europäische Anleger erhöht, die Zugang zu US-Märkten suchen.
  • Irreführung durch Marketingbegriffe: Beim EZB-Modell 3 können private Tokens zwar durch Zentralbankreserven gedeckt sein, besitzen jedoch keinen Rechtsanspruch gegenüber der EZB. Dies kann Privatanleger verwirren.
  • Technische Abhängigkeit von USDC: Die Nutzung von USDC als Gas- und Abrechnungswährung in Arc schafft eine systemische Risikokette, da die Stabilität von Stablecoins und deren Markt-Kapitalisierung das gesamte Finanzökosystem beeinflussen kann.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was bedeutet „atomische Lieferung gegen Zahlung“?

Atomische Lieferung gegen Zahlung („atomic delivery versus payment“) bedeutet, dass Käufer und Verkäufer von tokenisierten Wertpapieren gleichzeitig ausliefern. Erfolgt die Zahlung in USDC, werden die Token ausgestellt; andernfalls bleibt alles unverändert. Dieser Mechanismus eliminiert das Gegenparteirisiko bei Handelsabwicklungen.

Warum schließen so viele Layer-2-Netzwerke?

Layer-2-Netzwerke benötigen kontinuierliche Nutzergebühren, um fixe Betriebskosten zu decken. Ohne Subventionen oder ausreichendes Nutzeraufkommen brechen sie meist innerhalb eines Jahres ein. Beispiele hierfür sind Blast, Zerion und Silicon Network, die bereits ihre Aktivitäten eingestellt haben.

Warum ist die 21X-US-Erweiterung noch genehmigungsabhängig?

Die US-Bank- und Handelsregulierung ist strenger als in der EU. Die 21X LLC ist bislang nicht als registrierter Broker-Dealer anerkannt. Deshalb müssen die geplanten Plattformen zunächst bei der SEC und FINRA beantragt werden, bevor sie aktiv werden können.

Fazit

Die aktuelle Entwicklung zeigt eine klare Zweiteilung des Blockchain-Marktes: Institutionelle Akteure wie die EZB und die 21X Group setzen auf regulierte, technisch integrierte Lösungen, die bestehende Finanzinfrastrukturen erweitern, während zahlreiche Layer-2-Projekte ohne nachhaltige Geschäftsmodelle scheitern. Das Pontes-Modell demonstriert, dass eine Brücke zwischen DLT und dem TARGET-System praktikabel ist und bereits zwölf Finanzinstitute einbindet. Gleichzeitig bestätigt die 21X-Pilotierung, dass tokenisierte Wertpapiere innerhalb einer Sekunde atomar abgewickelt werden können – vorausgesetzt, die regulatorischen Hürden, insbesondere in den USA, werden überwunden.

Der massive Umsatzrückgang von 82,5 % bei Layer-2-Netzwerken verdeutlicht, dass reine Technologie ohne stabile Einnahmequellen nicht ausreicht. Anleger sollten insbesondere die genannten Gegenpunkte – regulatorische Unsicherheit, potenzielle Irreführung durch Marketingbegriffe und die Abhängigkeit von Stablecoins – im Blick behalten. Nur wer sowohl die technische Innovation als auch die regulatorische und ökonomische Tragfähigkeit berücksichtigt, kann langfristig von der wachsenden Verknüpfung von klassischem Finanzsystem und Blockchain profitieren.