Die Einführung proprietärer Automated Market Makers (PropAMMs) verändert den Handel im Blockchain-Ökosystem grundlegend. Durch die direkte Integration professioneller Market Maker in die Smart-Contract-Infrastruktur entstehen neue Liquiditätsmodelle, erweiterte On-Chain-Interoperabilität und gleichzeitig neue Risiken für Konsensmechanismen und Market-Making-Strategien. Dieser Artikel beleuchtet anhand konkreter Zahlen und Studien die Auswirkungen von PropAMMs auf Solana und Ethereum, erklärt die ökonomischen Grundlagen und diskutiert zentrale Risiken.
PropAMMs auf Solana – Marktanteile und Wachstumsfaktoren
Die Daten von Blockworks Research (Q3 2025) zeigen, dass PropAMMs auf Solana mehr als die Hälfte des stabilisierten Handelsvolumens in hochliquiden Pools ausmachen. Der konkrete Anteil am DEX-Handelsvolumen von Major-Pools beträgt 54,7 % (2025). Innerhalb weniger Monate haben PropAMM-Projekte wie HumidiFi und GoonFi traditionelle CPMM-Basispool-Modelle verdrängt, was zu einem Rückgang des Marktvolumens bei etablierten Protokollen wie Raydium von etwa 60 % (2025) führte.
- PropAMMs wickeln über 55 % des Stablecoin-gebundenen DEX-Volumens auf Solana ab.
- HumidiFi führt rund 6 Millionen Oracle-Update-Transaktionen pro Tag aus (ca. 70 Updates pro Sekunde).
- Der Rückgang bei Raydium verdeutlicht die Marktabwanderung von traditionellen AMMs zu professionellen Liquidity-Providern.
Wie LVR den Aufstieg von PropAMMs erklärt
Ein zentraler ökonomischer Treiber ist das Phänomen des Loss-Versus-Rebalancing (LVR). Eine arXiv-Studie von Milionis, Moallemi und Roughgarden (2022) quantifiziert den erwarteten LVR-Verlust in klassischen AMMs mit 95 %. Dieser systematische Verlust entsteht, weil passive Pool-Besitzer ihre Liquidität an informierte Arbitrageure verlieren. PropAMMs umgehen diesen Verlust, indem professionelle Market Maker die Pool-Parameter in Echtzeit über preisgesteuerte Oracle-Updates anpassen.
- LVR-Verlust in traditionellen AMMs: 95 % (2022).
- PropAMMs minimieren LVR durch kontinuierliche Preis-Updates und aktive Liquiditätssteuerung.
Technische Funktionsweise von PropAMMs auf Solana
Auf Solana ermöglichen kurze Slot-Zeiten (1,6 s) und niedrige Transaktionskosten (bis zu 100-fach weniger Compute-Units als auf Ethereum) eine effiziente Umsetzung der PropAMM-Logik. Der Ablauf lässt sich in vier Schritte zusammenfassen:
- Der Nutzer initiiert über das Front-End einen Swap-Request.
- Jupiter, ein DEX-Aggregator, liest aktuelle Preise aus allen integrierten DEXs.
- Professionelle Market Maker senden regelmäßige, kostengünstige Oracle-Update-Transaktionen, um den Preis des PropAMM-Contracts frisch zu halten.
- Der Swap wird on-Chain ausgeführt; die Transaktion wird dank hoher Prioritäts-Fees der Oracle-Updates bevorzugt aufgenommen.
Durch die niedrigen Kosten können Market Maker tausende Updates pro Tag senden, wodurch das Risiko von „stale price“ Trades stark reduziert wird. Gleichzeitig implementiert Jupiter ein selbst-lernendes System, das Underperformer-Quellen automatisch sidelined – ein Mechanismus, der die Qualität der PropAMM-Liquidity weiter erhöht.
Herausforderungen für PropAMMs auf Ethereum
Im Gegensatz zu Solana stoßen PropAMMs auf Ethereum auf strukturelle Grenzen. Zwei zentrale Punkte bestimmen die aktuelle Situation:
- Builder-Dominanz: Laut Relayscan (Q1 2026) kontrollieren die Builder Titan und Quasar zusammen 73 % des Block-Building-Marktes. Diese Dominanz zwingt PropAMM-Operatoren zu vertrauensbasierten Partnerschaften, um Oracle-Updates zuverlässig in Blöcke zu integrieren.
- MEV-Boost und fehlende Top-of-Block-Garantie: Der aktuelle MEV-Boost-Mechanismus ermöglicht es Buildern, Arbitrage-Strategien zu priorisieren, während PropAMM-Updates häufig am Blockende censiert werden. Das EIP-7805-Protokoll FOCIL bietet keine Garantie für die Platzierung von Transaktionsdaten am Blockanfang und kann daher die Konsensrisiken aktiver PropAMM-Marktmacher nicht beseitigen.
Die Folge ist ein inkonsistentes Nutzererlebnis: Auf Builder-Blocks mit vertrauenswürdiger Integration funktionieren PropAMMs gut, während auf unbekannten Blocks die Liquiditätssteuerung ausfallen kann oder zu deutlich breiteren Spreads führt.
Risiken und Gegenargumente
Zusätzlich zu den strukturellen Beschränkungen werden folgende Risiken diskutiert:
- Gefährdung der Liquidität bei Krisen: Da professionelle Liquidität direkt von Market-Maker-Modellen abhängt, kann Panik oder strategische Auswechslung zu schnellen Liquiditätsverlusten führen.
- Zentrale Risikosammlung durch Builder-Abhängigkeit: Die enge Partnerschaft mit dominanten Buildern untergräbt die dezentrale Konsensphilosophie von Ethereum.
- Fehlerhafte Revert-if-Stale-Mechanismen: Technologische Lösungen, die Transaktionen nur bei aktuellen Parametern zulassen, sind bei hohem Volumen teuer und riskant.
FAQ zu PropAMMs
- Warum verdrängt die Anwesenheit von PropAMMs traditionelle AMMs? Weil PropAMMs durch kontinuierliche Liquiditätssteuerung und geringe Ausgleichsschäden (geringer LVR) zu besserer Preisfindung führen. Nutzer verlagern ihre Handelsstrategien daher zu PropAMMs.
- Wie wirkt sich Ethereum’s Builder-Market auf PropAMMs aus? PropAMMs müssen Partnerschaften mit dominierenden Builder-Entitäten eingehen, um Zensur durch Block-Building-Verfahren zu vermeiden, was zu einer zentralen Struktur führt.
- Was sind die Limitationen von FOCIL bei PropAMMs? FOCIL garantiert keine Platzierung von Transaktionsdaten, sodass PropAMMs weiterhin anfällig gegenüber Builder-Strategien bleiben, die maximale MEV-Extraktion anstreben.
Fazit
PropAMMs haben auf Solana bereits einen signifikanten Wandel im DeFi-Ökosystem eingeleitet: Mit einem Marktanteil von 54,7 % am DEX-Handelsvolumen und einer nachweislichen Verdrängung klassischer AMMs zeigen sie, dass professionelle Liquiditätssteuerung ökonomisch sinnvoll ist und LVR-Verluste wirksam eliminiert. Auf Ethereum hingegen behindern strukturelle Faktoren – insbesondere die Dominanz von Buildern (73 % Marktanteil) und die begrenzte Wirksamkeit von FOCIL – die gleiche Dynamik. Die vorgestellten Risiken verdeutlichen, dass die weitere Verbreitung von PropAMMs sowohl technologische als auch governance-seitige Lösungen erfordert, um die dezentrale Vision von Blockchain-Handel zu erhalten.