Die vorliegende Analyse untersucht, wie sich das Glamsterdam-Upgrade – insbesondere die schrittweise Erhöhung des Gas-Limits von 60 Millionen auf 200 Millionen und die Einführung von EIP-8037 sowie EIP-7778 – auf den Gebührenmarkt von Ethereum (EIP-1559) auswirkt. Durch die Simulation von 7.200 Blöcken (etwa ein Tag) unter zwölf unterschiedlichen Nachfrageszenarien werden Effekte auf Validator-Erlöse, Transaktionskosten und das Verhältnis von Base Fee zu Priority Fee beleuchtet.
Hintergrund des Glamsterdam-Upgrades und EIP-1559
Im Rahmen des Glamsterdam-Upgrades wird das Block-Gas-Limit von 60 M auf 200 M erhöht. Die Erhöhung erfolgt schrittweise, wobei das Limit pro Block um etwa 1/1024 des vorherigen Wertes ansteigt. Nach 1.234 Blöcken – rund vier Stunden – erreicht das Limit das neue Maximum von 200 M (Quelle S1). Parallel wird das Ziel-Utilisationsniveau von EIP-1559 von 30 M auf 100 M Gas pro Block angehoben.
Methodik der Simulation
Die Simulation basiert auf einem Replay von rund 21 Tagen historischer Mainnet-Transaktionen, die in einem instrumentierten Fork von reth mit dem Glamsterdam-Gas-Schedule erneut ausgeführt wurden. Die Messwerte dienen als feste Eingaben; ein erneutes Sampling führt nicht zu einer erneuten Ausführung. Für jede der zwölf Kombinationen von Nachfragemenge und Preiselastizität (Demand-Level = 1×, 1.5×, 2×, 2.5×; Elasticity = 0.1, 0.2, 0.3) werden 50 Pfade simuliert.
- Nachfragemenge wird als Summe aus Execution-Gas und State-Creation-Gas gemessen.
- Block-Utilisation = max(Execution-Gas, State-Gas) ÷ Limit, wodurch die restriktivere Dimension den Füllstand bestimmt (EIP-8037).
- Gas-Refunds werden nicht mehr auf das Block-Limit angerechnet (EIP-7778).
- Die Base Fee wird gemäß EIP-1559 angepasst: Anstieg bei Utilisation > 50 %, Abfall bei < 50 %.
- Ein exponentiell gleitender Durchschnitt über 200 Blöcke steuert die Preis-nachfrage-Rückkopplung.
Ergebnisse: Gebührenspike und Anpassungsphase
Zu Beginn der Simulation führt die Kombination aus vollem Anfangsnachfrage-Volumen und einem noch niedrigen Gas-Limit zu einem deutlichen Gebührenspike. Dieser Spike ist besonders ausgeprägt bei niedriger Preiselastizität (0.1), weil die Nachfrage nur schwach auf steigende Preise reagiert. Sobald das Limit weiter ansteigt, sinkt die Utilisation, die Base Fee fällt und die Nachfrage passt sich an. Die Anpassungsphase endet nach etwa 3.000 Blöcken (ca. zehn Stunden), danach stabilisieren sich Utilisation und Base Fee.
Median-Base-Fees und Auslastung nach der Stabilisierung
In neun von zwölf Szenarien stabilisiert sich die Block-Auslastung bei etwa 50 % und die Median-Base-Fees liegen zwischen 0,0002 Gwei und 0,3928 Gwei. Die übrigen drei Szenarien erreichen die Ziel-Utilisation von 100 M Gas nicht, selbst wenn die Base Fee fast auf Null sinkt. Beispielhafte Kennzahlen aus den Low-Demand-Szenarien:
- Median-Auslastung: 28,3 % (1×, Elastizität 0.1)
- Median-Gasverbrauch pro Block: 56,5 M Gas (1×, Elastizität 0.1)
Im High-Demand-Szenario (2.5×, Elastizität 0.3) liegt die Median-Base-Fee bei 0,3928 Gwei.
Einfluss von State-Creation-Gas (EIP-8037)
EIP-8037 trennt die Bepreisung von Execution-Gas und State-Creation-Gas. Die Simulation zeigt, dass in 19-21 % der Blöcke das State-Gas die restriktivere Obergrenze darstellt (Jahr 2026). Zudem benötigen 85 % der Transaktionen, die angepasste Gas-Limits benötigen, einen signifikanten Anteil an State-Gas. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Block-Utilisation nicht identisch ist mit der reinen Nachfragemenge, weil das ressourcenintensivere Segment (State-Gas) den Füllstand bestimmt.
Auswirkungen des Ausschlusses von Gas-Refunds (EIP-7778)
Durch EIP-7778 werden Rückvergütungen bei Speicherfreigaben nicht mehr auf das Block-Gas-Limit angerechnet. Dies verhindert „Gas Smuggling“ und liefert verlässliche Rechenzeit-Budgets für Block-Builder und Validatoren. Die Simulation musste hierfür modifizierte reth -Knoten einsetzen, um historische Transaktionen korrekt zu replayen.
Ökonomische Implikationen für L1 und Layer-2-Rollups
Um das EIP-1559-Ziel von 100 M Gas zu erreichen, ist ein Nachfragemultiplikator von 2,54 gegenüber der historischen Referenz erforderlich. Ein signifikanter Anstieg der L1-Nachfrage könnte damit Aktivität von Layer-2-Netzwerken zurückholen, da niedrigere L1-Gebühren Arbitrage- und Settlement-Muster verändern. Diese Dynamik wird von den Kommentaren von Wen-Ting Wang im Originalartikel (S1) unterstützt.
Risiken und Gegenmaßnahmen
- Gefahr unzureichender ETH-Burns bei geringer L1-Aktivität: Sinkt die Base Fee dauerhaft in den Sub-Gwei-Bereich, verbrennt EIP-1559 kaum noch ETH, was deflationären Tendenzen entgegenwirkt.
- Dominanz der Priority Fee (Tips): Bei einer vernachlässigbar kleinen Base Fee (< 0,0001 Gwei) verliert EIP-1559 seine preisstabilisierende Funktion und Nutzer konkurrieren wieder über reine Miner-Tips, ähnlich einer First-Price-Auktion.
- Statische Replay-Annahmen: Historische Transaktionen spiegeln nicht wider, wie dApps ihre Speichernutzung optimieren, wenn State-Creation-Kosten durch EIP-8037 steigen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum führt eine Erhöhung des Gas-Limits zunächst zu einem Gebührenanstieg?
Weil das Gas-Limit schrittweise über vier Stunden steigt, während durch Gas-Repricings und sofort einsetzende Nachfrage die Blöcke anfangs über dem alten Ziel liegen; EIP-1559 treibt die Base Fee kurzfristig nach oben, bis die Kapazität nachzieht.
Was regelt EIP-8037 im Kontext des Glamsterdam-Upgrades?
EIP-8037 führt eine getrennte Bepreisung für State Creation (Zustandswachstum) ein, sodass Blöcke nicht mehr nur durch reine Rechenzeit, sondern separat durch Speicherbeanspruchung limitiert werden.
Ab welchem Nachfrageniveau bleibt die Base Fee stabil über Null?
In der Modellierung stabilisiert sich die Base Fee erst verlässlich über 0,005 Gwei, wenn die Nachfrage mindestens das Doppelte des historischen Niveaus erreicht oder eine hohe Preiselastizität (≥ 0,2) vorliegt.
Fazit
Die Simulation zeigt, dass das Glamsterdam-Upgrade das Durchsatzpotenzial von Ethereum erheblich erhöht, jedoch die Gebührenentwicklung stark von der nachgelagerten Nachfrage und ihrer Preiselastizität abhängt. Während neun Szenarien bei etwa 50 % Utilisation stabile Base Fees zwischen 0,0002 und 0,3928 Gwei erreichen, führen niedrige Nachfrage und geringe Elastizität zu einem fast kostenfreien Base-Fee, bei dem die gesamten Transaktionskosten aus Tips bestehen. Die Einführung von EIP-8037 und EIP-7778 verändert die Block-Auslastungslogik grundlegend, indem State-Gas und das Wegfallen von Refunds die Kapazitätsgrenze neu definieren. Für das Ethereum-Ökosystem bedeutet dies, dass ein signifikanter Nachfragemultiplikator nötig ist, um das neue 100 M-Ziel zu erreichen, und dass potenzielle Verschiebungen zwischen L1 und Layer-2-Rollups kritisch zu beobachten sind. Gleichzeitig müssen Risiken wie ein möglicher Rückgang der ETH-Burns und die Rückkehr zu First-Price-Auktionsdynamiken adressiert werden, um die langfristige Stabilität des Gebührenmarktes zu sichern.