Im Rahmen des Glamsterdam-Upgrades (EIP-8037, EIP-8038) wird der bislang eindimensionale Gas-Markt von Ethereum in einen mehrdimensionalen Markt überführt, in dem Ausführung, Daten und State-Erstellung getrennt bepreist werden. Eine empirische Analyse der Preiselastizitäten und der daraus resultierenden Gleichgewichtsberechnungen zeigt, wie stark die einzelnen Ressourcen auf Preisänderungen reagieren, welche Metermultiplikatoren eingeführt wurden und welche Fehlermodi dabei entstehen können. Die Ergebnisse geben Aufschluss darüber, warum die Trennung der Ressourcen für die Skalierung von Layer 1 entscheidend ist und welche Anpassungen Entwickler an bestehenden Smart-Contracts vornehmen müssen.
Preiselastizitäten der Ethereum-Ressourcen
Empirisch ermittelte Elastizitäten
Die Analyse von M1kuW1ll (2026) nutzt drei Gas-Limit-Erhöhungen (30 M→36 M, 36 M→45 M, 45 M→60 M) und identifiziert die eigenen Preis-Elastizitäten jeder Ressource unter der Annahme unabhängiger Nachfrage (Zero Cross-Price Elasticity). Die ermittelten Werte liegen innerhalb folgender Intervalle:
- Execution (Ausführung): 0,079 – 0,121 (am unelastischsten)
- Data (Daten): 0,201 – 0,229
- State-Creation (State-Erstellung): 0,254 – 0,478 (am preisreaktivsten)
Die Reihenfolge bleibt über alle betrachteten Zeitfenster stabil, obwohl die absoluten Werte leicht variieren. Die höchste Elastizität von State-Creation erklärt, warum diese Ressource bei sinkenden Preisen stärker zunimmt als Execution und Data.
Metermultiplikatoren und ihre Auswirkungen
Durch das Re-Pricing im Glamsterdam-Upgrade entstehen für dieselbe historische Aktivität unterschiedliche Metermultiplikatoren. Die Replay-Analyse für den Zeitraum Februar – Mai 2026 liefert folgende Faktoren:
- Execution-Multiplikator: 1,538 (EIP-8038 & EIP-2780)
- Data-Multiplikator: 1,969 (EIP-7976 + EIP-7981)
- State-Multiplikator: 5,656 (EIP-8037)
Die Multiplikatoren erhöhen die effektiven Preise pro Einheit historischer Gas-Äquivalente um 53,8 % (Execution), 96,9 % (Data) und 465,6 % (State). Gleichzeitig bleibt die gemeinsame Base-Fee zunächst erhalten, weil Glamsterdam noch keinen mehrdimensionalen Preis-Mechanismus implementiert hat.
Gleichgewichtsberechnung im Glamsterdam-Fehlermodus
Glamsterdam verwendet ein einheitliches EIP-1559-Base-Fee, das durch den Ressourcenzweig mit dem größten gemessenen Gas-Aufkommen (Bottleneck) bestimmt wird. Die Gleichgewichtsberechnung vergleicht das Ziel-Gas-Target (die Hälfte des Block-Limits) mit den gemessenen Gas-Mengen der beiden Zweige – Regular (Execution + Data) und State.
- Bei einem Block-Limit von 60 M (Target = 30 M) bindet der Regular-Zweig die Base-Fee (0,554 – 1,575 gwei).
- Bei 100 M (Target = 50 M) bleibt Regular bindend (0,004 – 0,010 gwei).
- Ab 150 M (Target = 75 M) wechselt das Bindungs-Zweig zu State (0,0005 – 0,0027 gwei) und bleibt bis 300 M (Target = 150 M) dominant.
Der Wechsel zum State-Zweig entsteht, weil State sowohl den höchsten Multiplikator als auch die höchste Elastizität besitzt. Bei höheren Limits sinkt die gemeinsame Base-Fee stark genug, um die stark erhöhte State-Preisstruktur zu kompensieren, sodass State-Creation die Obergrenze erreicht.
Fehlermodi und State-Gas-Normalisierung
Analysen der Ethereum-Foundation (2026) zeigen, dass eine Bindung des State-Zweigs bei festem Cost-Per-State-Byte (CPSB) zu einer Unterauslastung von bis zu 93 % des regulären Block-Spaces führen kann. Ohne Korrekturmechanismen würde bei einem Gas-Limit von 150 M – 300 M nur etwa 6,2 % des regulären Block-Spaces genutzt werden, wenn die State-Nachfrage unelastisch bleibt.
Zur Vermeidung dieses „Crowding-Out“ wurden folgende Spezifikationen vorgeschlagen:
- EIP-8372 – Normalisierung des State-Gas-Limits
- EIP-8075 – Dynamische Anpassung des State-Gas-Limits
Beide Mechanismen sollen das State-Gas-Limit entweder normieren oder dynamisch an die tatsächliche Nachfrage anpassen, um die gemeinsame Base-Fee nicht unverhältnismäßig zu erhöhen.
Entwickler-Warnungen und Kompatibilitäts-Risiken
Die Ethereum-Foundation warnte im August 2026, dass die Re-Pricing-Mechanismen von EIP-8037 und EIP-8038 für über 95 % aller Smart-Contracts unproblematisch sind. Verträge mit fest verdrahteten Gas-Limits (z. B. 2.300 Gas bei Transfers) oder starren Annahmen über State-Access können jedoch ohne Anpassung fehlschlagen.
Der angestrebte Durchsatz-Faktor von 3 × wird durch die realitätsnahe Abbildung der State-Kosten ermöglicht, birgt aber das Risiko, dass bestehende dApps ihre Gas-Stipends an die neuen Multiplikatoren anpassen müssen, sonst drohen Fehlermeldungen oder erhöhte Transaktionskosten.
Integration in die langfristige EIP-7999-Roadmap
Glamsterdam dient als Übergangslösung, indem es über einen Max-Operator die getrennten Zähler (Bottleneck-Gas-Accounting) zusammenführt. Der finale Schritt ist EIP-7999, das vollständig unabhängige, dynamische Base-Fees pro Ressourcendimension einführt und gleichzeitig ein gemeinsames Max-Fee-Budget für Endnutzer definiert.
Statistiken aus 2026 belegen, dass 7,35 % aller Transaktionen (270,78 M) an den Calldata-Floor von EIP-7976 gebunden sind. Der Calldata-Floor erhöht die Kosten pro Byte auf 64 Gas und reduziert die Worst-Case-Blockgröße um etwa 37 % (EIP-7976). Diese Änderungen werden im Rahmen von EIP-7999 weiter harmonisiert.
FAQ zum Glamsterdam-Upgrade
Warum behält Glamsterdam trotz separater Zählung zunächst eine einheitliche Base-Fee?
Glamsterdam implementiert mehrdimensionale Erfassung, jedoch noch kein mehrdimensionales Pricing. Die gemeinsame Base-Fee minimiert Protokoll- und Wallet-Komplexität, indem der jeweils am stärksten ausgelastete Ressourcen-Zweig die Gebühr für den gesamten Block bestimmt.
Was passiert, wenn der State-Zweig bei hohen Gas-Limits zum Engpass wird?
Erreicht der State-Verbrauch die Block-Limits vor dem Rechen-Gas, steigt die Base-Fee für alle Operationen. Um diesem Crowding-Out vorzubeugen, werden Spezifikationen wie EIP-8372 diskutiert, die eine dynamische oder normierte Skalierung des State-Gas-Limits ermöglichen.
Fazit
Die empirische Analyse belegt, dass State-Creation die preisreaktivste Ressource im Ethereum-Gas-Markt ist (Elastizität 0,254 – 0,478) und durch den Multiplikator von 5,656 besonders stark bepreist wird. Bei steigenden Block-Limits ab 150 M wird State zum dominierenden Engpass, wodurch die gemeinsame Base-Fee ansteigt und bis zu 93 % des regulären Block-Spaces ungenutzt bleiben können. Die vorgeschlagenen Korrektur-EIPs (8372, 8075) sowie die langfristige Migration zu EIP-7999 sollen diese Fehlallokationen beheben und gleichzeitig die angestrebte Durchsatz-Steigerung von drei-fach ermöglichen. Entwickler müssen ihre Verträge an die neuen Gas-Multiplikatoren anpassen, um Kompatibilitätsprobleme zu vermeiden. Insgesamt zeigt die Untersuchung, dass die mehrdimensionale Preisgestaltung ein zentrales Element für die skalierbare Zukunft von Ethereum darstellt.