Proprietäre Automated Market Makers (PropAMMs) verlagern das Preis-Setting von passiven mathematischen Kurven hin zu aktiven Off-Chain-Market-Makern. Auf Ethereum, wo die Blockzeit 12 Sekunden beträgt und das Proposer-Builder-Separation-Protokoll (PBS) gilt, entsteht ein asymmetrisches Spiel: Block-Builder können Preis-Updates strategisch verzögern und dadurch Arbitragegewinne aus veralteten Kursen (Loss-Versus-Rebalancing, LVR) abschöpfen. Auf schnelleren Chains wie Solana, deren Slot-Zeit im Sub-Sekunden-Bereich liegt, ist dieses Problem weit weniger ausgeprägt.
Was ist ein PropAMM und wie unterscheidet er sich von klassischen AMMs?
- Traditionelle AMMs (z. B. Uniswap) bestimmen Preise passiv über eine feste Formel (z. B.
x·y = k) und passen sie nur an, wenn ein Swap die Pool-Reserven ändert. - PropAMMs lassen Market Maker Preise über Off-Chain-Engines kontinuierlich aktualisieren und übermitteln die neuen Zustände direkt in den Smart Contract.
- Der Markt-Maker kann Preis-Parameter ohne vorherige Nutzer-Swap-Transaktion anpassen – ein sogenannter Quote-Revision-Kanal.
FAQ zu PropAMMs
Was unterscheidet einen PropAMM grundlegend von einem traditionellen AMM (wie Uniswap)?
Klassische AMMs bestimmen Preise passiv über eine mathematische Formel basierend auf den Pool-Reserven. PropAMMs hingegen lassen Market Maker Preise über Off-Chain-Engines und schnelle State-Updates direkt im Smart Contract nachführen.
Warum ist das PropAMM-Modell auf Ethereum deutlich komplexer als auf Solana?
Solanas Sub-Sekunden-Takt (ca. 400 ms) und günstige Transaktionsgebühren erlauben permanente On-Chain-Updates. Auf Ethereum (12 s Blockzeit, hohe Gas-Kosten) müssen Builder-Quotes über Off-Chain-Streams eingebunden und atomar vor Trades eingefügt werden, um Stale-Quote-Arbitrage zu verhindern.
Wie wirkt sich das Modell auf LVR (Loss-Versus-Rebalancing) aus?
PropAMMs reduzieren LVR drastisch, da der Market Maker seine Notierung an CEX-Preise anpassen kann, bevor Arbitrageure veraltete On-Chain-Preise ausnutzen.
Marktdurchdringung von PropAMMs: Solana versus Ethereum
Empirische Analysen zeigen, dass PropAMMs bereits auf Solana einen signifikanten Anteil am Handelsvolumen besitzen, während das Segment auf Ethereum noch im Aufbau ist.
- PropAMM-Anteil am Jupiter-DEX-Volumen (Solana): 35 %-60 % im Jahr 2025/2026, getrieben durch Protokolle wie SolFi, Obric und ZeroFi (Quelle S1).
- Täglicher Handelsanteil von PropAMMs auf Solana: 30 %-50 % im Jahr 2026 (Quelle S1).
- Auf Ethereum liegen die PropAMM-Taker-Spreads bei WETH/Stablecoin-Paaren bei ca. 0,45 Basispunkten (bp) – ermittelt aus 92 627 Fills über neun PropAMM-Venues im September-Oktober 2026 (Quelle S2).
- Kumuliertes Handelsvolumen des PropAMM-Routers (Lambda) beträgt 546 Mio. USD im Jahr 2026 (Quelle S3).
- 2-Sekunden-Post-Trade-Return von PropAMMs vs. traditionellen CFMMs (Solana): +0,37 bp gegenüber -0,22 bp (Quelle S4).
Die Zahlen belegen, dass PropAMMs auf Solana bereits 35 %-50 % des gesamten Handelsvolumens ausmachen und über 90 % der SOL-Stablecoin-Paare dominieren. Auf Ethereum hingegen erreichen PropAMMs erst seit Mitte 2026 merkliche Marktanteile, doch die sehr engen Spreads von 0,45 bp zeigen eine wachsende Effizienz.
PBS-Spieltheorie: Builder-Incentives und Re-Quoting-Mechanismen
Um die 12-Sekunden-Latenz auf Ethereum zu überbrücken, senden Market Maker kontinuierliche Preis-Streams direkt an kooperierende Block-Builder. Der Builder schreibt das Update nur dann “Top-of-Block” oder unmittelbar vor den Swap, wenn tatsächlich Taker-Flow vorliegt – ein Mechanismus, der als Just-in-Time-State-Override bezeichnet wird.
- Durch das Co-Dependency-Modell werden leere Blöcke vermieden, weil Gas-Kosten nur dann anfallen, wenn ein echter Swap im selben Block stattfindet.
- Empirische Messungen zeigen, dass nach CEX-Preissprüngen > 0,5 bp 78,5 % der Fills auf PropAMMs im selben Block folgen (Jahr 2026). Passive AMMs hinken um 12 s hinterher (Quelle S2).
- Der Builder besitzt im PBS-Regime eine wirtschaftliche Option, Preis-Updates zugunsten von Stale-Quote-Arbitrage zurückzuhalten oder umzustrukturieren. Dieses Options-Problem wird durch das Just-in-Time-Override-Design reduziert, weil das Update nur dann eingebunden wird, wenn ein Taker-Bundle existiert.
Die Spieltheorie legt nahe, dass Builder-Zensur dann dominant wird, wenn die erwartete Arbitrage-Gewinn-Komponente die Kosten für das Einbinden des Updates übersteigt – insbesondere bei hoher Marktvolatilität.
Empirische Execution-Metriken und Spreads
Eine detaillierte Analyse von 92 627 Fills über neun Ethereum-PropAMMs (Sept-Okt 2026) liefert folgende Erkenntnisse:
- Durchschnittlicher Taker-Spread auf WETH/Stablecoin-Paaren: ca. 0,45 bp.
- Keine messbare Adverse Selection nach der Block-Sealing-Phase, d. h. Market Maker können die Preis-Updates ohne signifikante Gegenarbitrage ausführen.
- 78,5 % der Fills synchronisieren sich mit CEX-Preissprüngen von mehr als 0,5 bp im selben Block, was die Fähigkeit von PropAMMs belegt, Preis-Lagzeiten zu schließen.
Diese empirischen Daten stärken die These, dass PropAMMs das LVR-Problem passiver AMMs lösen, da kontinuierliche, aktive Preis-Updates den Zeitverzug zwischen Markt-Information und On-Chain-Preis praktisch eliminieren.
Risiken und Gegenmaßnahmen
Obwohl PropAMMs klare Vorteile bieten, identifizieren die Quellen drei zentrale Risikofaktoren:
- Builder-Zentralisierung und private Order-Flows: Exklusive Beziehungen zu dominanten Buildern (z. B. Titan) können die Liquidität fragmentieren und neutrale Validatoren sowie Aggregatoren diskriminieren.
- Fehlende Ertragsbeteiligung für passive Retail-LPs: PropAMMs operieren mit eigenem Market-Maker-Kapital. Retail-Nutzer können keine Liquidität bereitstellen, um passive Renditen zu erzielen, wie es bei Uniswap möglich ist.
- Zensurrisiko bei hoher Marktvolatilität: In extremen Phasen kann der Wert der Stale-Quote-Arbitrage die Builder-Bestechungsgebühren übersteigen, sodass Builder Updates bewusst verzögern. Das zwingt Market Maker zu breiteren Spreads.
Ein möglicher Ansatz, das Builder-Zensurrisiko zu mildern, besteht darin, Commitment-Mechanismen einzuführen, die das Honoring von Preis-Updates wirtschaftlich attraktiver machen als die Ausbeutung veralteter Quotes. Die Diskussion von Kanade (PBS-Spieltheorie) weist darauf hin, dass ein explizites Mechanism-Design-Problem vorliegt, das mit Gebühren- oder Bond-Strukturen adressiert werden könnte.
Auswirkungen auf On-Chain-Komposierbarkeit
Die Abhängigkeit von Buildern beeinflusst die gesamte On-Chain-Komposierbarkeit. Aggregatoren, die mehrere PropAMMs in einer Route kombinieren, können nur dann erfolgreich ausführen, wenn der gewinnende PBS-Builder alle relevanten Market-Maker-Feeds unterstützt. Dies erfordert deterministische Multi-Venue-Router, die Builder-Verfügbarkeit als Teil des Ausführungs-States berücksichtigen.
Die Praxis zeigt, dass Market Maker zunehmend auf “Build-Time Inclusion” in Kooperation mit spezialisierten Buildern setzen (Neuder & Bahrani, 2026). Statt periodischer L1-Transaktionen streamen sie signierte State-Overrides kontinuierlich an den Builder. Eine On-Chain-Transaktion wird nur erzeugt, wenn im selben Block ein valider Swap eintrifft – ein Verfahren, das Gas-Kosten für leere Blöcke eliminiert und die Ausführung des Takers untrennbar an das aktuelle Preis-Update koppelt.
Fazit
PropAMMs stellen einen entscheidenden Schritt in der Weiterentwicklung dezentraler Finanzmärkte dar. Auf Solana ermöglicht die Sub-Sekunden-Slot-Zeit nahezu sofortige Preis-Updates, wodurch PropAMMs bereits 35 %-60 % des Handelsvolumens ausmachen. Auf Ethereum, wo die 12-Sekunden-Blockzeit und das PBS-Regime zu potenziellen Stale-Quote-Arbitrage-Möglichkeiten führen, zeigen aktuelle empirische Messungen, dass PropAMMs dennoch enge Taker-Spreads von rund 0,45 bp erreichen und das klassische LVR-Problem praktisch lösen.
Die Spieltheorie des PBS-Regimes offenbart jedoch neue Herausforderungen: Builder-Zensur, zentrale Order-Flows und das Risiko, bei hoher Volatilität Preis-Updates zu verzögern. Die Lösung dürfte in Mechanism-Design-Ansätzen liegen, die Builder-Incentives mit Commitment-Gebühren oder Bond-Strukturen ausbalancieren. Gleichzeitig verlangt die steigende Komposierbarkeit von Multi-PropAMM-Routen robuste Router-Architekturen, die Builder-Verfügbarkeit berücksichtigen.
Insgesamt belegen die vorliegenden Daten, dass PropAMMs nicht nur das LVR-Problem adressieren, sondern auch die Effizienz von DeFi-Märkten sowohl auf schnellen Chains als auch auf Ethereum signifikant steigern können – vorausgesetzt, die strukturellen Risiken werden durch geeignete Protokoll- und Governance-Maßnahmen gemindert.